Modul1 – KI-Grundlagen
Folge06
Zeitbedarfca. 45 Minuten (25 Min. Lesezeit + 20 Min. Audio-Podcast)
ZielgruppeAbsolute Einsteiger – keine Vorkenntnisse nötig
WerkzeugeEin beliebiger KI-Chat (z. B. ChatGPT, Claude, Le Chat oder Copilot)

Texte schreiben mit KI

In Folge 2 hast du gelernt, wie man mit der 4-Zutaten-Schablone wirksame Prompts baut. In Folge 5 hast du gesehen, wie Modelle durch gigantische Textmengen ein tiefes Sprachgefühl erwerben. Jetzt führen wir dieses Wissen in der Praxis zusammen: Wir nutzen KI ganz konkret zum Verfassen, Polieren und Umformulieren von Texten – von der heiklen Nachbarschafts-E-Mail über überzeugende Bewerbungsschreiben bis hin zu knackigen Blogbeiträgen oder Berichten. Die KI übernimmt dabei die mühsame Vorarbeit des ersten Entwurfs, doch du bleibst die Autorin und Chefredakteurin.

Abbildung 12 – Unsere Einsteigerin schreibt Texte mit KI-Unterstützung an ihrem Laptop
Abbildung 12 – Unsere Einsteigerin schreibt Texte mit KI-Unterstützung an ihrem Laptop Prompt: Nutze die hochgeladenen Bilder der KI-generierten Person als Referenz, um eine fotorealistische Darstellung desselben Charakters zu interpolieren. Erstelle ein fotorealistisches Bild im Querformat. Zeige dieselbe Person an einem Schreibtisch, wie sie eine E-Mail verfasst und dabei eine KI-Chat-Antwort im Nebenfenster prüft. Auf dem Hauptbildschirm ist eine E-Mail-Anzeige sichtbar. In der Hand hält sie einen Stift. Warmes, ruhiges Tageslicht aus dem Fenster, neugierige und konzentrierte Stimmung.
DEIN LERNZIEL

Du lernst, moderne Sprach-KIs als Co-Autorin, Sparringspartner und Lektorin einzusetzen. Du verstehst, wie du mit Few-Shot Prompting deinen persönlichen Tonfall triffst, typische KI-Floskeln per Negativ-Prompting verbannst und ab wann nach der neuen EU-KI-Verordnung eine Kennzeichnungspflicht für deine Texte besteht.

Du bist die Chefredakteurin: Co-Writing statt Blindflug

Viele Einsteiger machen anfangs denselben Fehler: Sie tippen eine knappe Zeile wie „Schreib mir einen Text über unser neues Gartenprojekt“ ein und sind enttäuscht, weil das Ergebnis generisch, aufgedunsen und nach Roboter klingt. Warum ist das so?

Wie du in Folge 5 beim Post-Training (RLHF) gelernt hast, wurden Sprachmodelle darauf gedrillt, um jeden Preis höflich, neutral und hilfreich zu sein. Ohne deine persönliche Führung greift das Modell reflexartig auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zurück: wohlklingende Plattitüden und langatmige Füllsätze.

Der Schlüssel zu brillanten Texten liegt in einer klaren Arbeitsteilung:

Die drei Rollen der KI beim Schreiben

Begreife den KI-Chat nicht als bloßen Text-Automaten, sondern nutze die KI in drei unterschiedlichen Spezialrollen:

1. Die Gliederungs-Architektin: Erst Struktur, dann Text

Lass die KI bei längeren Texten (Artikeln, Berichten oder Reden) niemals den gesamten Fließtext auf einmal generieren! Das überfordert das Kontextfenster und führt zu oberflächlichem Geschwafel. Lass dir stattdessen zuerst eine logische Gliederung (Outline) erstellen. Erst wenn die Zwischenüberschriften sitzen, lässt du die KI Absatz für Absatz ausformulieren.

2. Der Sparringspartner (Advocatus Diaboli)

Bevor du einen wichtigen Brief abschickst, lass die KI die Rolle deines schärfsten Kritikers einnehmen. Ein genialer Prompt lautet:

„Hier ist mein Entwurf für eine Gehaltsverhandlung / Kundenabsage. Lies den Text und nenne mir drei Schwachstellen oder Einwände, die mein Gegenüber vorbringen könnte. Sei dabei schonungslos ehrlich.“

3. Der präzise Lektor & Stil-Polierer

Die KI ist eine exzellente Lektorin für eigene Notizen. Du musst keinen perfekten Text eingeben. Wirf der KI einfach deine unvollständigen Stichpunkte hin:

„Verwandle diese Stichpunkte in eine kurze, herzliche Danksagung an meine Nachbarin für das Blumengießen. Ton: freundlich und nahbar, kein Behördendeutsch.“

Handwerkszeug: Few-Shot Prompting & die Schreibschleife

Wie bringst du der KI bei, genau so zu klingen wie du selbst – statt wie ein distanziertes IT-Handbuch? Die wirksamste Methode heißt Few-Shot Prompting:

Few-Shot Prompting (Lernen an Beispielen)

In einfacher Sprache: Der KI ein oder zwei gelungene Beispiele mitgeben, damit sie den gewünschten Tonfall sofort kapiert.

Eine Prompting-Technik, bei der du dem Modell vor der eigentlichen Schreibaufgabe konkrete Beispiel-Paare („Shots“) zeigst. Statt abstrakt zu beschreiben „Schreibe humorvoll, aber professionell“, zeigst du ihr zwei alte E-Mails, die dir besonders gut gefallen haben: „Hier sind zwei Beispiele meines üblichen Schreibstils [Beispiel 1, Beispiel 2]. Schreibe den neuen Text im exakt selben Stil.“ Das Modell adaptiert Wortwahl, Satzlänge und Rhythmus verblüffend präzise.

Iteratives Schreiben: Die 5-Schritte-Schleife

In einfacher Sprache: Nicht auf das Wunder des perfekten ersten Klicks hoffen, sondern den Text im Dialog schrittweise verfeinern.

Der strukturierte Schreibprozess im Dialog mit der KI: 1. Absicht & Kontext definieren → 2. Gliederung abstimmen → 3. Ersten Rohentwurf erzeugen → 4. Gezieltes Feedback geben (z. B. kürzen, Ton wärmer) → 5. Menschlicher Feinschliff und Faktencheck.

flowchart TD A["1. Absicht & Kontext klären
(Zielgruppe, Tonfall & Few-Shot-Beispiel)"] --> B["2. Gliederung abstimmen
(Struktur vor Fließtext)"] B --> C["3. Rohentwurf erzeugen
(Absatz für Absatz)"] C --> D["4. Lektorat & Kritik
(KI als Sparringspartner)"] D --> E["5. Menschlicher Feinschliff
(Faktencheck & deine echte Stimme)"] style A fill:#f8f9fa,stroke:#2a4dd0 style B fill:#f8f9fa,stroke:#2a4dd0 style C fill:#f8f9fa,stroke:#3fb950 style D fill:#f8f9fa,stroke:#f0a500 style E fill:#e8f5e9,stroke:#2a4dd0

KI-Floskeln entlarven & Negativ-Prompting

Wenn du Texte im Internet liest, erkennst du uninspirierte KI-Texte oft nach drei Wörtern. Warum? Weil Sprachmodelle bestimmte Lieblingswörter haben, die durch das Vortraining überrepräsentiert sind:

TIPP: MIT NEGATIV-PROMPT-BEFEHLEN ZU ECHTER SPRACHE

Verbiete der KI von vornherein das typische KI-Pathos! Ergänze deine Schreib-Prompts um einfache Negativ-Filter:

„Verzichte auf abgedroschene Phrasen wie 'in der heutigen Zeit'. Verwende keine übertriebenen Adjektive und keine Emojis. Schreibe in kurzen, klaren Hauptsätzen im Tonfall eines ehrlichen Gesprächs unter Kollegen.“

ACHTUNG: FAKTENPRÜFUNG & DATENSCHUTZ

Erinnere dich an Folge 3 (Halluzinationen): Eine KI prüft beim Formulieren nicht die Wahrheit, sondern reiht statistisch passende Wörter aneinander. Namen, Gesetzesparagrafen, Datumsangaben und Zitate musst du immer selbst gegenprüfen!

Achte zudem auf den Datenschutz: Gib niemals vertrauliche Kundennamen, private IBANs oder Betriebsgeheimnisse in öffentliche Chats ein (mehr dazu in Folge 13: Datenschutz).

Recht und Transparenz: Die KI-Kennzeichnungspflicht nach dem EU AI Act (ab August 2026)

Seit dem 2. August 2026 gelten in der gesamten Europäischen Union die Transparenzpflichten nach Artikel 50 des EU AI Act (KI-Verordnung). Wer Texte mit KI erstellt und veröffentlicht, muss wissen, welche Spielregeln für die Kennzeichnung gelten.

Abbildung 13 – Entscheidungs-Hilfe zur KI-Kennzeichnungspflicht
Abbildung 13 – Entscheidungs-Hilfe zur KI-Kennzeichnungspflicht Prompt: Erstelle eine klare Entscheidungs-Flowchart im Querformat (16:9) im modernen, flachen Stil. Beginne mit dem Startknoten „Text von KI erstellt?“. Von dort zwei Pfade: links „Nein – selbst geschrieben“ (grün), rechts „Ja – KI-Unterstützung“. Vom „Ja“-Pfad zwei Folgeknoten: „Überprüft + redaktionell verantwortet?“ (grün für Ja mit Text „Keine Kennzeichnung nötig“, rot für Nein mit Text „Kennzeichnungspflicht!“). Unten: „Hinweis: Einfaches Lesen reicht nicht aus – aktive Überarbeitung nötig“. Heller Hintergrund, wenige dezente Farben, große gut lesbare Schrift, viel Weißraum, keine Fotos, keine Schnörkel. Pfeile klar benennen.

KI-Kennzeichnungspflicht (Transparenz nach EU AI Act)

In einfacher Sprache: Wann muss ich der Öffentlichkeit mitteilen, dass ein Text von einer KI geschrieben wurde?

Nach Artikel 50 der EU-KI-Verordnung müssen Texte, die von KI generiert wurden und der Information der Öffentlichkeit über Themen von öffentlichem Interesse dienen (z. B. Nachrichten, Fachartikel, gesellschaftliche Debatten), transparent als KI-generiert gekennzeichnet werden. Die Kennzeichnungspflicht entfällt jedoch, wenn der Inhalt eine menschliche Prüfung durchlaufen hat und eine Person die redaktionelle Verantwortung dafür übernimmt.

Die 2 Bedingungen für die Kennzeichnungsfreiheit:

Wenn du KI als Werkzeug beim Schreiben nutzt, brauchst du keine Kennzeichnung anzubringen, solange zwei Dinge erfüllt sind:

  1. Menschliche inhaltliche Überprüfung: Du hast den Text nicht nur überflogen oder ungeprüft kopiert, sondern Satz für Satz auf Richtigkeit, Sinn und Plausibilität geprüft.
  2. Übernahme der redaktionellen Verantwortung: Du stehst mit deinem Namen hinter dem Text und bist bereit, für Inhalt und Fehler geradezustehen – genau wie jede klassische Autorin.

Faustregel für deinen Alltag: Wenn du eine E-Mail, einen internen Bericht oder einen von dir lektorierten Blogbeitrag veröffentlichst, brauchst du kein störendes Warnschild anzubringen. Lässt du hingegen eine KI vollautomatisch Artikel ins Netz blasen, greift die gesetzliche Kennzeichnungspflicht (z. B. „Dieser Artikel wurde automatisiert mit KI-Unterstützung erstellt.“).

Pflichtübung: Vom hölzernen Bot zum authentischen Brief

PFLICHTÜBUNG: DIE SCHREIB-RETTUNG

Stell dir vor, du möchtest deine Nachbarn im Mehrfamilienhaus darüber informieren, dass du am kommenden Samstag deinen Geburtstag mit rund 10 Gästen auf dem Balkon feierst. Du hast der KI einen schnellen Einzeiler zugerufen und folgenden ersten Entwurf erhalten:

„Sehr geehrte Hausgemeinschaft! In der heutigen dynamischen Zeit ist das Feiern zwischenmenschlicher Meilensteine von essenzieller Bedeutung. Aus diesem Anlass beehre ich mich, Ihnen mitzuteilen, dass am 25. des laufenden Monats ab 19:00 Uhr Feierlichkeiten in Wohnung 4B stattfinden. Wir bemühen uns um eine adäquate Dezibel-Reduktion, danken für Ihre geschätzte Kooperation und verbleiben mit freundlichen Grüßen.“

Deine Aufgabe: Dieser Text strotzt vor hölzernen KI-Floskeln und Amtsdeutsch. Formuliere einen gezielten Follow-up-Prompt, um daraus einen warmen, sympathischen und echten Aushang für das schwarze Brett im Treppenhaus zu machen.

Musterlösung anzeigen (nach dem eigenen Versuch aufklappen)

Schritt 1: Einen präzisen Korrektur-Prompt formulieren:
„Der Text klingt viel zu steif und bürokratisch. Schreibe den Aushang komplett um: - Tonfall: Herzlich, entspannt und rücksichtsvoll unter guten Nachbarn. - Keine geschwollenen Wörter wie 'adäquat' oder 'essenziell'. - Sag kurz, dass wir draußen sitzen und ab 22 Uhr die Musik leiser drehen. - Lade die Nachbarn herzlich auf ein Glas Wein oder ein Stück Kuchen ein, falls jemand vorbeischauen möchte. - Maximal 70 Wörter, unterschrieben mit 'Herzliche Grüße, Lisa (Wohnung 4B)'.“

Schritt 2: Das gelungene Ergebnis der KI:

„Liebe Nachbarinnen und Nachbarn,

ich feiere am kommenden Samstag (25.) ab 19 Uhr meinen Geburtstag auf dem Balkon. Wir machen es uns gemütlich und drehen ab 22 Uhr die Musik selbstverständlich leiser. Sollte es trotzdem einmal zu laut werden, klingelt bitte einfach kurz bei mir!

Wer Lust hat, ist herzlich eingeladen, auf ein Glas Wein vorbeizuschauen.

Herzliche Grüße,
Lisa (4B)“

Erkenntnis: Durch das iterative Nachsteuern wurde aus einem unpersönlichen Behördenschreiben in Sekunden eine sympathische Nachbarschafts-Geste.

Übung für heute

ÜBUNG FÜR HEUTE

Probiere die Few-Shot-Methode heute selbst aus:

  1. Kopiere einen alten Text oder eine E-Mail von dir, mit deren Formulierung du damals rundum zufrieden warst.
  2. Füttere die KI mit folgendem Befehl: „Lies dir diesen Text durch und analysiere meinen Schreibstil: [Text einfügen]. Formuliere mir nun im exakt selben Stil eine kurze Absage für eine berufliche Einladung.“
  3. Staune, wie viel persönlicher das Ergebnis im Vergleich zu einem Standard-Prompt ausfällt!
Podcast-Symbol
DEEP DIVE PODCAST ZUR VERTIEFUNG
Wie die KI endlich nach dir klingt
Höre die beiden Moderatoren im Deep Dive, wie sie die Geheimnisse des Co-Writings vertiefen: Vom Abbau stereotyper KI-Floskeln über die Macht des Few-Shot Promptings und die KI als schärfsten Kritiker (Advocatus Diaboli) bis hin zu rechtlicher Sicherheit nach dem EU AI Act.
Download (.m4a)

Wissens-Check: Teste dein Wissen

Nachdem du die Lektion durchgearbeitet und den Deep Dive Podcast gehört hast: Wie gut beherrschst du das Co-Writing mit KI, Few-Shot Prompting und die Transparenzregeln? Teste dein Wissen in diesem interaktiven Quiz mit 10 Fragen:

Fazit

FAZIT

Texte mit KI zu schreiben ist kein passives Abnehmen von Arbeit, sondern eine kreative Partnerschaft. Die besten Ergebnisse erzielst du, wenn du die KI als Gliederungs-Architektin, Lektorin oder kritischen Sparringspartner einsetzt. Mit Few-Shot Prompting prägst du dem Modell deine eigene Stimme auf und befreist deine Texte per Negativ-Prompting von störenden KI-Klischees. Solange du als Chefredakteurin die inhaltliche Prüfung und Verantwortung übernimmst, schreibst du nicht nur rechtskonform nach dem EU AI Act, sondern erschaffst Texte, die Menschen wirklich berühren. In der nächsten Folge verlassen wir das geschriebene Wort und tauchen in die Welt der visuellen KI ein: beim Generieren von Bildern und Grafiken.

Weiter geht es mit Folge 7: Bilder und Grafiken erstellen mit KI.